Wohnungen bauen,
Infra­struktur schaffen.

Die nächsten Jahre werden spannend.

Von links nach rechts: Dipl.- Ing. Ulf Lorenz, Dipl.-Ing. Uwe Jungnickel, Dipl.- Ing. Axel Nickstat, Dipl.- Ing. Stefan Hirsch

FG Bau Konkret: Herr Hirsch, pünktlich zu Ihrem 10-jährigen Firmen­ju­biläum ziehen Sie um – vom „alten Westen“ in den aufstre­benden Ostteil der Stadt. Was sind die Gründe für Ihren Umzug?

Stefan Hirsch: Wir hatten unser ehema­liges Firmenareal am Saatwinkler Damm nur gemietet – und mit der Zeit ist es uns dort einfach zu klein geworden: Allein in den letzten Jahren hatten wir in unserem Büro sechs Arbeitsplätze zu wenig, auf unserem ehema­ligen Innenhof mussten wir Baucon­tainer aufstellen, um alle unter­zu­bringen. Daher lag für uns die Aufga­ben­stellung auf der Hand, ein Büroge­lände, möglichst am Stadtrand, zu finden, das uns gehört und auf dem wir unseren Lager­platz und das Büro zusam­men­führen können. Unser jetziges Firmenareal am Groß-Berliner Damm in Adlershof haben wir von der Treuhand abgekauft und uns mit dem Kauf rein flächen­mäßig enorm vergrößert: Von den rund 350 Quadrat­metern, die uns an unserem „alten“ Standort für unser Büro zur Verfügung standen, auf gut 700 Quadrat­meter Bürofläche und 10.000 Quadrat­meter Grund­stück. Davon nutzen wir de facto rund 4.000 Quadrat­meter für uns, also das Büroge­bäude, den Parkplatz und unseren Lager­platz. Auf dem restlichen Gelände sind 12 Mietein­heiten als Gewer­bepark entstanden, die auch alle bis auf eine vermietet sind.

Klingt nach einer Erfolgs­ge­schichte.

Die Unter­neh­men­s­ent­wicklung ist tatsächlich eine Erfolgs­ge­schichte, umso mehr, wenn man weiß, dass wir in unserem Gründungsjahr 2006 zunächst mit fünf Leuten bei mir zuhause in meinem Einfa­mi­li­enhaus in einem Kellerraum saßen – auf rund 70 Quadrat­metern! Ende 2007 hatten wir bereits drei Millionen Euro Umsatz gemacht und uns war klar, dass wir eine andere Lösung brauchten – die wir vorüber­gehend am Standort Saatwinkler Damm gefunden hatten. Mittler­weile arbeiten gut 50 Mitar­bei­te­rinnen und Mitar­beiter bei uns, und im Jahr 2015 haben wir einen Umsatz von 16,8 Millionen Euro erzielt.

In welchen Bereichen sind Sie überwiegend tätig?

Angefangen haben wir mit Schlüs­sel­fertig-Baustellen. Heute umfasst dieser Bereich ca. 20-25 Prozent unseres Umsatzes. Den Löwen­anteil macht der Hochbau aus, hier speziell der Wohnungsbau. Aller­dings entfallen auch rund 20 Prozent auf den klassi­schen Ingenieurbau: So sind wir von Beginn an regel­mäßig im Auftrag der Berliner Wasser­be­triebe tätig gewesen. Man kann also sagen, dass wir in vielen Klärwerken unsere Spuren hinter­lassen durften – die baulichen, wohlge­merkt. Unser 4. Standbein ist der Indus­triebau.

Stichwort Mitar­beiter: Wo finden Sie Ihre Mitar­beiter? Bilden Sie selbst aus, und wie macht sich bei der Suche nach guten Arbeits­kräften der Fachar­bei­ter­mangel bemerkbar?

Ich denke, hier muss man etwas diffe­ren­zieren: Auf der Ebene der Fachar­beiter haben wir wie viele andere auch enorme Probleme, Leute zu finden. Unser Ziel ist es eigentlich, jedes Jahr drei Auszu­bil­dende einzu­stellen und diese dann auch nach erfolg­reicher Prüfung zu übernehmen. Das gelingt uns leider nicht, teils, weil die Bewerber zu schlecht sind, teils, weil sie in Wirklichkeit gar nicht zum Bau wollen. In diesem Jahr haben wir drei Lehrlinge einge­stellt, davon geht es nur für einen bei uns weiter. Wir nutzen natürlich auch gerne das Angebot des Lehrbau­hofes, um an zusätz­liche Nachwuchs­kräfte zu kommen. Letzten Endes ist es aus meiner Sicht aber nötig, dass wir uns im Bereich der Löhne nach oben bewegen.

Bei uns haben wir bereits damit begonnen, die Löhne und Gehälter zu staffeln, denn die Leute, das muss man wirklich so sagen, rennen uns sonst weg. Hinzu kommt die gute Konjunk­turlage: Eigentlich bräuchten wir in der momen­tanen wirtschaft­lichen Situation nicht nur drei neue Lehrlinge pro Jahr, sondern fünf – das ist jedoch bei der aktuellen Arbeits­marktlage nicht abbildbar.

Etwas anders sieht es bei den Ingenieuren aus: Hier hilft uns unsere Vergan­genheit. Ulf Lorenz und ich kennen uns seit unserem Studium, wir haben zusammen in Berlin studiert und den Abschluss zum Diplom-Bauin­ge­nieur gemacht. In der Folge habe ich lange Jahre bei Wayss und Freytag Ingenieurbau AG gearbeitet, Ulf Lorenz war als Ingenieur bei der Walter Bau AG. Durch unsere langjährige Tätigkeit als Ingenieure konnten wir ein großes Netzwerk aufbauen, das uns gerade zu Beginn unserer Arbeit bei Hirsch + Lorenz sehr geholfen hat.

Mittler­weile haben wir 17 Ingenieure im Unter­nehmen, was unsere entschei­dende Stärke ist und im Markt gut ankommt. Wir stellen regel­mäßig Werkstu­denten ein, die wir dann auch übernehmen. Zum 1. Juni 2016 haben wir unsere erste Bauin­ge­nieurin einge­stellt, die ebenfalls vorher als Werkstu­dentin bei uns tätig war. Aller­dings ist auch der Ingenieur-Arbeits­markt derzeit leergefegt.

Wo sehen Sie Stell­schrauben, die die Fachkräf­te­si­tuation zugunsten der Bauwirt­schaft beein­flussen könnten?

Da gibt es mehrere: Zum einen darf man nicht vergessen, dass zwischen 1996 und 2006, also in Zeiten der großen Krise in der Bauwirt­schaft, sehr viele Fachkräfte arbeitslos wurden und in der Folge in andere Berufe abgewandert sind. Meine Theorie ist, dass wir einen unglaub­lichen Fachkräf­te­fundus haben, der momentan aller­dings fachfremd unterwegs ist und beispiels­weise als Stadtbote für 12,50 Euro die Stunde arbeitet. Dieser Stadtbote ist im Herzen Zimmermann, er sagt sich aber: Warum soll ich für 12,30 Euro die Stunde am Bau arbeiten, wenn ich bei meiner derzei­tigen Tätigkeit mehr verdiene? Das heißt für uns: Wenn wir hier eine Schippe drauf­legen würden, könnten wir mit Sicherheit einige Fachkräfte zurück­ge­winnen.

Weiter muss es uns gelingen, die Lehrlings­zahlen zu erhöhen. Hier sehe ich auch eine große Chance in der aktuellen Flücht­lings­be­wegung! Es kommen eine Unmenge junger Menschen zu uns, vor allem junge Männer, die wollen arbeiten und können auch arbeiten! Natürlich müssen wir erst einmal viel Geld in die Hand nehmen, um entspre­chende Integra­ti­ons­kurse anzubieten und vor allem an den Sprach­kennt­nissen zu arbeiten. Auch Fähig­keiten wie Pünkt­lichkeit, Arbeits­dis­ziplin und Genau­igkeit müssen trainiert werden. Wenn es uns gelingt, den Zuzug von Menschen aus anderen Ländern für unsere Branche zu nutzen, kann das ein Ansatz sein, den Fachkräf­temangel abzumildern.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Heraus­for­de­rungen unserer Branche in den nächsten Jahren?

Neben dem Fachkräf­temangel ist eine große Heraus­for­derung die politische Inter­es­sens­ver­tretung unserer Branche. Es wird immer mehr Gewalt nach Brüssel verlagert, jedoch habe ich den Eindruck, dass unsere Branche dort noch nicht ausrei­chend gut vertreten ist. Als regio­naler Verband haben wir zwar kaum eine Möglichkeit, hier Einfluss zu nehmen – wir können aber auf die Dachver­bände einwirken, die wiederum für eine stärkere Lobby in Brüssel sorgen können.

Als Firma müssen wir darauf achten, dass wir die aktuell sehr gute Konjunktur dazu nutzen, uns langfristig krisen­sicher aufzu­stellen. Denn obwohl ich nicht davon ausgehe, dass der aktuelle Bauboom in den nächsten Jahren in Berlin abflachen wird, haben mich die Jahre zwischen 1996 und 2006 Demut gelehrt. Ausrei­chend Wohnungen zu schaffen und an einer leistungs­fä­higen Infra­struktur zu bauen werden uns auch die kommenden Jahre beschäf­tigen und für ein gutes Auskommen sorgen. Insofern blicke ich optimis­tisch in die Zukunft.

Herr Hirsch, ich danke Ihnen für das Gespräch.

FG Bau Konkret sprach 2016 mit Stefan Hirsch, geschäfts­füh­render Gesell­schafter und Präsi­di­ums­mit­glied der FG Bau.